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Innovation und Digitalisierung in Deutschland (alt)

Seit meinem ersten Studium arbeite ich im Bereich der Digitalisierung. Das ist schon lange her und mir war damals gar nicht bewusst, was genau das war. Den Begriff gab es noch gar nicht. Aber auch schon damals hatte ich bei meiner Arbeit mehr das Gefühl an einem Kulturkampf beteiligt zu sein, als technisch zu arbeiten. Das hat sich im Habitus des Arbeitens gezeigt. Man war ein Hacker oder ein Ingenieur im Rechenzentrum. Man war etwas besonderes und ein Teil der Kultur.

Heute hat sich praktisch jeder an das gewöhnt, was damals das besondere war, der Umgang mit einem persönlich leicht zu beeinflussenden Werkzeug, was einem einen Blick in die weite Welt ermöglichte. Es hat immer den Geruch von Spiel an sich gehabt.

Heute hat sich vieles geändert. Jeder muss sich privat und an seinem Arbeitsplatz mit der Digitalisierung auseinander setzen. Uns geht es gut. Die Wirtschaft läuft gut. Aber plötzlich redet man davon, dass Deutschland den Kontakt zur Weltspitze verliert. Wir werden abgeschlagen. Von Ländern wie China oder Indien. Die USA versteht keiner mehr, weil sie die Weltmacht in der Digitalisierung sind – und das wissen. Bei der Internetgeschwindigkeit, der Handy Versorgung, der Softwareherstellung – ja in jedem anderen Bereich, wo es um die Digitalisierung von Produktions, Arbeitsprozessen und behördlichen Prozessen geht – sind wir immer weiter abgeschlagen in Europa.

Ich habe das Gefühl auf der (D)itanic zu stehen und dem Tanzen, Essen und der Musik zusehen und zuzuhören.

Überall, in den Zeitungen, auf den Messen, den Diskussionsveranstaltungen, ja sogar in der Politik wird vom Eisberg geredet. Wir müssen DAS tun, wir müssen SCHNELL HANDELN. Sonst werden wir verlieren. Wir müssen agiler werden, transparenter, in Teams denken, der Technik mehr vertrauen, die Arbeiter oder Angestellten, die Arbeitsprozesse wie wir sie jetzt kennen, auflösen. Jeder Leiter einer mittelständischen Firma kennt die Angst, global nicht mithalten zu können, obwohl sich die Produkte momentan prima verkaufen. Jeder Konzernaufsichtsrat spürt, das jetzt die Zeit gekommen ist, die Firmenstruktur den digitalen Leuchttürmen wie Google, Apple oder Tesla anzupassen. Den Anlegern ist eine solche finanziell erfolgreiche Konzernstruktur erstrebenswert. Jeder, der in einer Fabrik oder im Büro arbeitet erlebt ,das die Welt um ihn herum sich ändert, die Arbeit sich komprimiert und sich immer mehr mit Aufgaben im PC verbindet. Sichere Arbeitsplätze werden durch neue flexiblere und unsicherere Arbeitsformen ersetzt.

Im Grunde ist es ganz einfach, warum wir uns nicht schnell genug bewegen.

  • Deutschland ist ein Land des Maschinenbaus. In der Softwareherstellung waren wir nie besonders gut. Die Ausbildung ist auch nicht mit anderen Ländern vergleichbar. Wir denken viel zu sehr ingenieurhaft. Flexibilität und Phantasie ist nicht unser eigen. Dafür können wir sehr gut Regeln aufstellen und sie normieren.
  • Es gibt nicht genügend junge Leute in Deutschland, die Neuerungen in Organisationen einbringen und gegen uns alte mit unserer starren Haltung durchsetzten könnten. Die Bevölkerungspyramide spricht dagegen. China hat es da viel einfacher.
  • In vielen Bereichen ist es für junge Firmen sehr schwer neue Produkte auf den Markt zu bringen. Die Konsolidierung des Marktes hat in Deutschland viele mächtige Konzerne und Firmen, teilweise mit Staatsbeteiligung herausgebracht, die den Markt unter sich aufteilen und aus wirtschaftlichen Erwägungen neue Ideen verdrängen oder aufkaufen. Startup‘s sind sehr viel innovativer als Konzerne, weil ihre innere Struktur noch einer Produktvision gleicht. Nicht einer Vision von Stabilität und Karriere.

Aber: alle diese Gründe sind keine Begründung für das was wir weiterhin tun, denn wir befinden uns auf einer Welt mit anderen Ländern, die alle im Wettstreit liegen, die wirtschaftlich Konkurrenten sind und diese Problem nicht haben. Jede global agierende Firma bekommt diese Auseinandersetzungen seit Jahren zu spüren. Wie hilflos diese Auseinandersetzung geführt wird, merkt man nicht nicht nur an den Ergebnissen größerer Softwareprojekte in Deutschland, sondern auch daran, wie eingeschränkt die Automobilindustrie plötzlich die Vorteile der Digitalisierung begriffen hat. Ja, mit Software können wir auch lügen!

Wenn wir in der Leitung darüber denken, mit welchen Lösungen es einfach wäre die Digitalisierung zum Laufen zu bringen, vergessen wir, worum es geht. Es gibt keine technische Lösung! Und damit haben wir als vom Mittelstand getragenes Land des Maschinenbaus große Probleme.

Digitalisierung ist der Ersatz eines von mehreren Menschen getätigten Arbeitsprozesses durch einen vom Computer vermittelten, gespeicherten und berechneten Vermittlungsprozesses zwischen Menschen. Sprache und Kommunikation wird durch die Zwischenspeicherung und Darstellung von Informationen ersetzt. Natürlich, der Mensch bleibt weiterhin Mensch. Aber die Kommunikation in Arbeitsprozessen erfährt einen sprunghaften Anstieg von Flexibilität, Geschwindigkeit und Informationsspeicherung. Rationalisierung, komplett andere Möglichkeiten in der Produktion und im Dienstleistungsbereich sind möglich. Das passiert überall, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch Zuhause, im Supermarkt, im Kindergarten, in der Politik, in der Diplomatie, in der Liebe und beim Tanken.

Digitalisierung ist eine kulturelle Revolution, die es gibt seitdem elektronische Geräte vernetzt in Arbeitsprozesse integriert werden können. Das war damals schon möglich, auch bei den ersten Großrechnern, weil deren Software und verarbeitete Daten andere Menschen und Organisationen eingebunden hat. Das Magnetband ist auch eine Art der Vernetzung, wenngleich auch weniger effektiv als das Internet.

Das bedeutet, es geht nicht darum technische Prozesse zu ändern. Sondern Digitalisierung bedeutet eine Veränderung der Kultur. Im kleinen, im Team, in der Firma, wie im Konzern oder in der Politik.

Was in Deutschland heute stattfindet ist eine Gegenrevolution. Die digitale Revolution verläuft hier langsamer. Nicht aus mangelnden technischen Möglichkeiten, sondern weil die Sinnhaftigkeit der Auswüchse der Revolution angezweifelt wird. Manchmal mit Recht.

Vergessen wir nicht, das was die Kirchen heute sind oder die soziale Marktwirtschaft – beides ist aus Gegenrevolutionen und Gegen – Gegenrevolution entstanden.

Was heute stattfindet, im Management, wie in der Politik ist eine Komprimierung der Arbeit, eine Professionalisierung, mit allen Vor- und Nachteilen. Eine Gegenbewegung, auch in der Politik gegen Globalismus und Transparenz. Kein Wunder, jeder hat Angst und sucht argumentative Sicherheit.

Die Digitalisierung schiebt seit Jahrzehnten diese Entwicklung voran. Sie ist eine gesellschaftliche Revolution. Wenn wir uns nur auf Industrie 4.0 und Agile Entwicklung konzentrieren, werden wir nie verstehen, worum es geht. Der Misserfolg der DevOps ist nur ein Symptom von vielen.

Ohne Innovationen werden wir global abgehängt. Innovation ist nicht einfach etwas Neues erschaffen. Sondern innovativ handeln bedeutet den kompletten Wertschöpfungsprozess einer Firma, so steuern zu können, dass ein neues Produkt andere Produkte vom Markt verdrängt. In jedem Produktzyklus! Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette und des Produktzykluses schafft bedeutende Vorteile am Markt.

Auch die Gegendigitalisierung muss innovativ sein! Ansonsten können wir und nicht auf dem Weltmarkt durchsetzten! Unsere Gesellschaft muss in einer Weise flexibler werden, die es ermöglicht, die Digitalisierung zu verstehen und gleichzeitig die alten Werte zu erhalten. Der Begriff der Digitalisierung sollte entschlackt werden, um darüber konstruktiv reden zu können. Und es erfordert eine gesellschaftliche Diskussion. Nicht über Technik, sondern über die Zukunft von Organisation und Menschsein.

Es geht nicht um die Frage: „Wie lange können wir noch unsere Maschinen bauen, bis eine disruptive Technik sie vom Markt fegt?“.

Sondern die Frage ist: „Was können wir besonders gut, das auch in der digitalen Revolution einen Marktvorteil schafft?“

 

Dirk Schumacher (09.06.2018)

Veröffentlicht in Digitalisierung

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