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Was ist Gerechtigkeit?

Der allgemeine Begriff der Gerechtigkeit vereint in seiner gesellschaftlichen, sprachlichen Ausdrucksweise normative, individuell leidtragende und sozial aufrührerische Aspekte in sich.

1. Normativ ist die Begründung, Definition, das Setzen und die Kontrolle der Gerechtigkeitsrahmens im Rechtssystem.

2. Dem gegenüber steht das persönliche Erleben von Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gewalt und Ausgeliefertsein innerhalb der Herrschaftsdiskussionen sozialer Strukturen.

3. Aufrührerisch ist die Aufforderung zur gesellschaftlich, fortschrittlichen Dynamik. Die Möglichkeit gesellschaftliche Strukturen so zu ändern und die Änderungen so zu begründen, dass die Gesamtheit der gesellschaftlichen Erfahrung der in ihr verbundenen Individuen, in Zukunft als gerechter empfunden wird. Was innerhalb dieser Dynamik Veränderung, Aufklärung, Revolution und Gewalt bedeuten kann.

Diesen Begriff möchte ich nun spezifischer fassen, ergänzen und mit dem modernen Wissen zur Diskussion stellen.

Gerechtigkeit integriert die persönliche Identität eines Menschen, die es der Gesellschaft ermöglich sich zu verändern, mit dem machtvollen Einfuß der sozialen Struktur der Gesellschaft, in der der Mensch lebt und sich einfügen muss, um zu überleben. Das Wort „Gerechtigkeit“ verbindet in der Sprache eine starke individuelle Motivation mit starken Gefühlen der Integration und Verlangen nach einer sozialen Rolle. Gerechtigkeit verbindet die Veränderung der Gesellschaft mit der Entwicklung einzelner Individuen über eine die soziale Dynamik stabilisierende Funktion in ihrem sozialen Raum. Gerechtigkeit ist der individuelle Rückkopplungskanal innerhalb gesellschaftlicher Krisen. Die Funktion der Gerechtigkeit ist auch eine soziale Technik, die den geschichtlichen Verlauf argumentativ begründet.

Aus heutiger Sichtweise, der Kritik der „Kritik der Aufklärung“ und „Diskursethik“ über Kant, Hegel, Marx, der Kritischen Theorie und Postmoderne, in philosophischer Erzählweise folgend, ist es eine schwierige, persönlich einnehmende Entscheidung, die soziale Technik der Gerechtigkeit postkolonial auszulegen, weil es in der Gerechtigkeit um alle Menschen geht. Gerechtigkeit betrifft historisch nicht jeden. Die Definition und Klarheit des Begriffs der Gerechtigkeit ist für mich eine schwierige Entscheidung und lange Überlegung gewesen.

Gerechtigkeit kann auf 4 verschiedenen Ebenen betrachtet werden.

  • Geltung: Die normative Sichtweise der Gerechtigkeit bestimmt in einer fortwährenden Diskussion die Legitimation von staatlicher Gewalt in Rechtssystemen. Sie bestimmt die Regeln der staatlichen Rechtsbarkeit über Positives und Natürliches Recht und strukturiert den inneren Rahmen einer rechtsstaatlich begründeten Gesellschaft. Besonderer Augenmerk ist hier auf den Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie, die Stabilisierung von Handel, Ressourcenbezogenheit und Hierarchisierung in einem auf ausgesucht Staatsbürger begründeten Rechtssystem zu sehen. Das Rechtssystem stabilisiert die soziale Struktur der Gesellschaft als Nation und gibt dem Einzelnen eine gewisse Sicherheit innerhalb seiner bürgerlichen Rollendefinition. Wird die soziale Struktur der Nation oder einer Rolle verlassen oder ist Nation und Rolle, bewusst oder unbewußt nicht klar definiert, so stößt das Rechtssystem mit seiner stabilisierenden und dem Einzelnen Sicherheit gebenden Funktion an die Grenzen und löst schwerwiegende soziale Konflikte aus. Die Sichtweisen von Positivismus und Objektivismus wehren sich gegen die Veränderung normativer Begriffe. Für sie sind normative Begriffe gesetzt, so wie sie sind, real und natürlich. Dem ich nur zustimmen kann, wenn angenommen wird, dass normative Begriffe aus der Natur kommen und freier Wille, natürliche Realität und Individualismus sich dem unterordnen müssen. Soziologisch strukturiert gesehen funktioniert die Sichtweise des Positivismus und Objektivismus nur, wenn die störende Elemente des sozialen Wissens sediert und ausgegrenzt werden. Innerhalb der normativen Geltung ist daher ein starker Herrschaftsdiskurs zwischen formalen und realen Elementen vorgegeben, der sich in der normativen Sprachverwirklichung äussert.
  • Praxis: Dem gesellschaftlich, rechtlichen Rahmen gegenüber steht die von der Gesellschaft gelebte, faktisch, praktizierte Moral. Während das Rechtssystem den Bürger und seine Aufgaben definiert, bestimmt die Moral die sozialen Rollen und Aufgaben eines Individuums. Rechtssystem und Moral sind bewusst unscharf gehalten, da die einzelnen Individuen sehr unterschiedlich sein können und ein Zusammenleben ermöglich werden muss. Gleichermassen gibt es einen Graubereich zwischen Recht und Moral, wo beides sich gegenseitig beeinflusst, z.B. in der Definition von Ehe, Familie, in der Strafbestimmung von Wirtschaftsbetrug, politischer Verantwortung, Nationalen Sicherheitsinteressen usw. Die Graubereiche sind erforderlich, damit sozialer Raum und Gesellschaft sich entwickeln können und nicht in verkrusteten sozialen Strukturen stagnieren. Was nicht bedeutet, dass das Rechtssystem oder die moralische Empfindung versagt hat, sondern DAS sie funktionieren. Auch wenn das Rechtssystem und die Moral vom Individuum verlangen, das es an sie und ihre Geradlinigkeit glauben muss, damit es funktioniert. Was nicht heißt, dass der Einzelne immer so handelt. Zur sozialen Technik der Gerechtigkeit gehören soziale Systeme und Organisationen, genauso wie soziale Glaubenssätze und objektiv gesetzte Regeln im sozialen Raum, die das einzelne Individuum befähigen Unterscheidungen zu treffen. Das Setzten von Normen und Regeln, sowie die individuelle Entscheidung findet im sozialen System auf unterschiedlichen Ebenen statt und führt dazu, dass das Individuum bei seiner Entscheidung paradoxe Entscheidungsbäume vorfindet und Entscheidungen nur treffen kann, wenn bestimmte Dinge ausblendet werden. Auch das Ausblenden von Sachverhalten gehört zum Treffen einer logischen Entscheidung. Im sprachlichen Raum der Moral existieren so Graubereiche, die nicht artikuliert werden können und die logische Argumentation des Ausblendens von Inhalten. Luhmann nennt dies Paradoxien, Foucault, Selektion, Bändigung und Verknappung eines Diskurses. Habermas dagegen schließt eine über die Kommunikation von Individuen hinausgehende soziale Kommunikation aus Letztbegründungsgründen der Kommunikation aus. Es kommt im Illokutionären Akt nicht vor. Letztendlich gibt es im sozialen Raum der Subjektivierung der Individuen und Objektivierung des formalen Rahmens, als eine sozial strukturierte Technik, immer einen virtuellen Raum, den der Einzelne nicht betreten kann. Der Graubereich kann nur im Rahmen eine rechtfertigenden Strukturdiskussion der sozialen Zusammenhänge beschrieben werden.
  • Rechtfertigung:Für einen Mensch bedeutet Gerechtigkeit individuelle Entscheidungen in Freiheit, unbeeinflußt von Gewalt und Ungerechtigkeit der Gesellschaft, wählen zu dürfen und in gemeinsame Handlungen im sozialen Raum übergehen zu lassen. Das dies normalerweise nicht so einfach ist, bezeugen die heftigen Diskussionen über z.B. Klasse, Rasse, Geschlechtsungleichheiten, Armut, Reichtum, Krieg und Ausbeutung. Das Erlangen von individueller Freiheit und Besetzen einer Rolle mit einem hohen Maß an Möglichkeitsspielraum ist für den Einzelnen der Grund für Gerechtigkeit. Erst wenn dieses Maß an Möglichkeitsspielraum für eine Person erreicht ist, fühlt diese sich in ihrer Verwirklichung als Person frei fühlt, ist für sie Gerechtigkeit erlangt. Ob dies im normativen Raum oder im Rahmen der moralischen Bewertungen der Gesellschaft passiert, ist abhängig von dem Grund der Ungerechtigkeit. Das Gerechtigkeit eine soziale Funktion mit sprachlich starken Motivatoren ist, merken wir daran, dass wir uns von ungerechtem Verhalten, was wir verstehen, stark beeinflussen lassen. Die Rechtfertigung von sozialen Verhalten ist immer mit dem begründeten, sprachlichen Unterschied Gerecht – Ungerecht verbunden. Im sozialen Raum kann ein Individuum hauptsächlich damit 2 Strategien verbinden. Ablehnung oder Annahme. Wird das was passiert als gerecht angesehen und erfährt der Andere Gerechtigkeit, so wird dieser unterstützt. Wird das was passiert als gerecht angesehen und der Andere erfährt Ungerechtigkeit, so wird der Andere, seine Rolle und sein sozialer Raum abgelehnt. Wird das was passiert als ungerecht empfunden und der andere erfährt Ungerechtigkeit, so wird Solidarität empfunden und eine Änderung des Zustands diskutiert. Wird das was passiert als ungerecht empfunden und der Andere erfährt Gerechtigkeit, so wird das soziale System, was den Zustand der Gerechtigkeit für den Anderen herbeiführt hat abgelehnt. Gleichzeitig kann der Andere aber auch als Vorbild für zukünftige eigene Gerechtigkeit gelten. Diese Entscheidungsmatrix der Rechtfertigung von sozialen Verhalten führt letztendlich zu einem konservativen oder kritisch, aufklärerischem individuellem Verhalten. Im sozialen Raum, den Punkt der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit ansprechend, führt dies zu einem konservativen, erhaltenden oder aufgeklärten, kritischen Weltbild. Die Rechtfertigung von Gerechtigkeit führt zu einem moralischen, individuellem Gefühl und Verhalten der Individuen.
  • Veränderung: Die Rechtfertigung von Gerechtigkeit steht in einem steten Spannungsverhältnis zum sozialen System der Moral und dem Rechtssystem. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Gewalt, Abwertung, Ausgrenzung, Hunger, Krieg und Tod werden täglich erfahren. Es folgt der Ruf nach Gerechtigkeit, Ungerechtigkeiten werden publik gemacht, logisch begründet, führen zu Flucht, Gegengewalt, öffentlichen Aufrufen, Herrschaftsdiskurse im sozialen Raum und letztendlich zu gesellschaftlichen Diskursen. Dies bedeutet nicht, dass der Gerechtigkeit genüge getan wird, sondern nur, das gesellschaftliche Konflikte zu Spannungen, Diskursen und Konfliktlöseversuchen führen. Die Rechtfertigung von Gerechtigkeit aufgrund der Unlösbarkeit von moralischen, rechtsstaatlichen Verhalten in Individuen organisiert ein soziales Verhalten der Solidarität je auf beiden Seiten des Konfliktes. Der Ruf nach Gerechtigkeit ist Ausdruck von sozialen Veränderungen und führt zu Aufklärung, Revolution und Fortschritt. Rechtsstaatlichkeit und moralisches Verhalten können kleinere soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen. Da Subjektivierung zu Rollen und Objektivierung zu formalen Ausdrücken als festes soziales Verhalten immer zu einer Hierarchisierung des sozialen Raumes führt, ist ein Auseinanderklaffen des Graubereiches von Moral und Rechtssystem in der Struktur des sozialen Raumes vorgegeben. Je größer ein sozialer Raum ist und je mehr Mitglieder diesen Raum bilden, desto mehr Unterschiede werden ausdifferenziert und desto mehr Ungerechtigkeiten entstehen. In das Sozialverhalten einer Gesellschaft ist die Dynamik der Veränderung mit eingebaut. Fortschritt bedeutet zeitlicher Fortschritt, nicht moralischer Fortschritt, weil die Moral der Sozialstruktur nur neu argumentiert wird und sich herausbildet in der Veränderung. Die Welt wird weder besser, noch schöner, noch glücklicher durch Aufklärung und Revolution, auch wenn die Rechtfertigung der Gerechtigkeit dies fordert und rückwirkend so sehen muss.

Zusammengefasst betrachtet ist Gerechtigkeit eine Ressource oder konflikteinschränkende Rückkopplung, die von dem Einzelnen als Norm oder Ungerechtigkeit wahrgenommen wird, im System aber der Kommunikation und dem Ausgleich und Neuverhandeln von Systemunterschieden dient. Es ist ein gesellschaftlicher Ordnungs- und Regelmechanismus der vertikalen Differenzierung. Herrschaftsdiskurse, Gerechtigkeit, Moral, Rechtsverständnis, Auseinandersetzungen und Konflikte dienen dieser Regelung. Die horizontale Differenzierung der Gesellschaft führt so zu einer weiteren Ausbreitung über die vertikale Differenzierung. Gesellschaftliche Hierarchisierung führt zu Ungerechtigkeit und im weitern zu sozialer Differenzierung. Soziale Ausbreitung ist vertikale Differenzierung über Objektivierung und Organisationsbildung. Da die Gerechtigkeit sozial strukturiert ist, ist sie an die Gegebenheiten der vertikalen, wie horizontalen Differenzierung und deren Evolution als dissipatives Muster gebunden. Gerechtigkeit, als soziale Technik der Rückkopplung, ist sehr eng mit anderen Entwicklungen der Technik verbunden, was an Beispielen der Medizin, Rhetorik, Waffenentwicklung, Entwicklung von Handelsbeziehungen, Kapitalistischer Produktionsweise, demokratischer Willensbildung usw. gesehen werden kann. Praktisch jeder Teil von Technik ist über den sozialen Fortschritt eng mit der technischen Entwicklung verbunden. Gerechtigkeit ist eine soziale Technik der gesellschaftlichen Stabilisierung in weiterlaufender historischen Differenzierung. Fortschritt ist daher nie Wertfrei, sondern Ausdruck der Differenzierung sozialer Strömungen.

Gerechtigkeit synchronisiert die Beziehungen des Einzelnen mit sozialen Gruppen über sprachlich mit Motivatoren beschwerte Werte. Werte sind objektive Normen des Verhaltens im sozialen Raums gegenüber dem Einzelnen. Umgekehrt ist die Persönlichkeit die objektive Norm des Verhaltens des Einzelnen gegenüber dem sozialen Raum in Werturteilen über das Gute und Böse. In rein subjektivem Verhalten ist das einzelne Subjekt nur Tier. In einem sozial strukturiertem Raum gibt es keine Menschen und keine Gesellschaft mehr, sondern nur das Einheitliche von Menschen in der Kommunikation eines sozialen Raumes. Die Definition der Persönlichkeit und der Werte legen die Rechte und Pflichten als kommunikative Normen dar und ermöglichen in ihrer Differenzierung den Aufbau der Gesellschaft. Das Gerechtigkeitsgefühl, wie es z.B. im Urzustand oder durch den Gesellschaftsvertrag gegeben ist, ist die Forderung nach dem Ausgleich der Persönlichkeit mit den gesellschaftlichen Werten. Der Gerechtigkeitsgedanke ergibt sich aus der Forderung nach der demokratischen Gleichheit der Menschen. Der Ungerechtigkeitsgedanke entsteht aus der sozialen Hierarchisierung des Handelns und des Diskurses, sowie deren stabilisierende Funktion als Ideologie.

Gefühle sind erlernte wertbehaftete Beziehungen von inhärenten sozialen persönlichen Konstrukten zum Selbstbild der Persönlichkeit. Moralische Werturteile spiegeln daher den emotionalen Widerstreit der inhärenten sozialen Konstrukte mit den Wertvorstellungen der eignen Persönlichkeit wieder. Werden moralische Werturteile in einem Erklärungszusammenhang ausgesprochen, werden aus kritischen Forderungen nach Gerechtigkeit normativen Objekte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit ist daher eine individuelle Forderung nach Änderung sozialer Werte und Strukturen. Episdemiologisch ist das eine Forderung nach neuem, sozial begründetem Wissen. Der Ruf nach Gerechtigkeit ist die dynamische Objektivierung von individuellen Interessen und deren Ruf nach neuen moralischen Ansichten und normativen Objekten.

Ein allgemeines Problem der Gerechtigkeit ist, das jede Objektivierung und damit auch die Objektivierung von Gerechtigkeitsprinzipien zur Differenzierung, Hierarchisierung und zu Herrschaftsdiskussionen führt. Gerechtigkeit verschleiert auch immer das, was nicht zum objektiven Interesse gehört. Im Kern der Gerechtigkeit steckt die soziale Dynamik der Ungerechtigkeit.

Die wichtige Frage, die sich mir nach der Rationalisierung des Gerechtigkeitsbegriffes nun stellt ist: Wenn alles nur soziale Veränderung und Gerechtigkeit darin eine Funktion ist, wie kann ethische Verantwortung den sozialen Prozessen oder dem einzelnen Menschen gegenüber erreicht werden. Menschen, die verhungern oder im Krieg sterben oder nie eine Chance erhalten werden, sich selbst zu entwickeln und selbst zu sein, können nicht mit einer sozialen Funktion abgespeist werden. Das erscheint mir zutiefst unethisch.

Wissenschaftlich betrachtet heißt die Frage: Kann eine objektive distanzierte Betrachtung von Herrschaftsdiskursen, Hierarchien, kritischer Aufklärung und Ideologiekritik möglich sein ohne emphatische, persönliche Betroffenheit? Alles andere ist nicht nur unethisch, sondern auch unmenschlich.Kann der Begriff der Gerechtigkeit ethisch, wissenschaftlich betrachtet werden ohne in eine Ideologiekritik abzutauchen?

Lassen sich Regeln als Interesse an moralischen Konfliktregelungen und normativen Symbolen, neben Regeln für die soziale Dynamik der Rechtfertigung und Aufklärung der Gerechtigkeit aufstellen, so das Gerechtigkeit als das beschrieben werden kann, was es ist: das Konstrukt einer sozialen Technik – ohne in die Fehler einer normativen Festigung von Hierarchien, sowie die abwertende oder ausnutzende Rollenzuweisungen von Handelsdiskursen zu verfallen? Jede erkenntnistheoretische Forschung verändert durch die Setzung von objektiven Normen ihrer Forschung in ihren beobachteten Gegenstand. Erkenntnistheorie ist immanente Intervention in den Forschungsgegenstand und benötigt immanent die Diskussion der Forschungsabsicht.

Auch die Dynamik der Kritik an einer Ideologie und der Forderung nach Änderung einer Ideologie ist eine stabilisierende soziale Struktur.

Herrschaftsdiskurse lassen sich nicht ohne unterschiedliche emotionale Motivationen in Abhängigkeit vom Kontext, Milieu, Schemata und Ressourcen betrachten. Auch die dialektische Betrachtungsweise ist interessengeleitet. Auch die aufklärende Kritik und postmoderne Dekonstruktion ist interessengeleitet. Auch die objektive, distanzierte Betrachtungsweise ist interessengeleitet. Wissenschaftliche Erzählungen beziehen sich immer auch auf Rollen, Individuen, Organisationen und individuelle Beziehungen. Jedwede kritische Betrachtung muss sich bewusst sein, dass ohne Rechtfertigungsgründe nicht über Gerechtigkeit geredet werden kann. Soziale Strukturen in ihrer Dynamik lassen sich schlecht narrativ wiedergeben, weil Individuen Subjekte und gleichzeitig Objekte mit Positionen sind. Erzählungen sind immer mehr auf Individuen und ihre Rollen konzentriert. Hierarchien und Differenzierungen gehen in Erzählungen unter. Wenn über soziale Strukturen und deren Auswirkungen auf gerechte Verhaltensweisen geredet wird, können Rechtfertigungsgründe nur über starke sprachliche Motivatoren, als Beispiele der Rechtfertigung ausgesprochen werden, wie: untere Klassen, Feine Unterschiede, Ausgebeutete, Verdammte, Proletarier usw. Der Diskussion über Gerechtigkeit mit Hilfe sozialer Strukturen fehlt es an wissenschaftlichen Beschreibungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Dynamik.

Trotzdem zeigen die derzeitigen philosophischen Diskussionen an hohes Maß an Betroffenheit und Rechtfertigungsdruck auf. Das Mittel der Beschreibung sozialer Strukturen wird benutzt, um die kausalen Zusammenhänge der Ungerechtigkeit darzustellen. Die Absicht der Rechtfertigung der Gerechtigkeit ist die Dekonstruktion des sozialen Systems, das Verletzen und Verschieben der kommunikativen Grenzen eines Mediums und der Struktur des sozialen Raumes. Die Auflösung der sozial begrenzenden Struktur durch erzählende Beschreibungen von strukturellen Ungerechtigkeit wird vom moralischen und normativen System als Kritik und Unsicherheit erfahren. Und erzeugt Gegenreaktionen. Die objektiven sozialen Strukturen eines sozialen Raumes werden durch die Verbindung von moralisierenden Erzählungen und objektiven, wissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen Strukturen destabilisiert. Die Verbindung von Rollen, Werte, Normen und Motivationen wird versucht durch Erzählungen aufzurütteln.

Wissenschaftliche Ethik bedeutet immer im Prozess der Rechtfertigung von Gerechtigkeit eine Position einzunehmen und Begründungen für Veränderung auflisten zu können.

Ethik kann darin eine von beide Strategien gegenüber der Rechtfertigung von Gerechtigkeit annehmen. Erhaltend werden daraus moralische Vorschläge. Kritisch, Aufrufe zum Widerstand. Wird beides gegenüber gleich behandelt, entsteht eine Dialektik der Gerechtigkeit, die der Rechtfertigung nicht neutral gegenüber steht, sondern erhaltend. Die Rechtfertigung von Gerechtigkeit fordert Gerechtigkeit, ansonsten bleibt es nur ein politisches Kalkül. Gerechtigkeit bedeutet meine Rolle als Mensch wahrzunehmen und für andere Menschen einzustehen oder die aktuelle moralische Situation zu akzeptieren und zu verteidigen. Und damit gegen andere Menschen vorzugehen. Gleichzeitig bedeutet aber auch die Akzeptanz der aktuellen moralischen Situation, gegen Veränderung zu sein und für Stabilität. Wer konservativ ist, ist auch für die Stabilität mit seinen Mitmenschen. Beides hat seine Gründe und ist abzuwägen.

Letztendlich kann die ganze Situation ethisch philosophisch, Diskursethik versus Herrschaftsdiskussion, auf die aktuelle Diskussion in einer Frage ausgedrückt werden: Ist es für uns Europäer moralisch einwandfrei oder verwerflich, moralischen Fortschritt und einen höheren Lebensstandard und eine bessere Gesundheitsversorgung zu haben, aufgrund von Handels- oder Arbeitsressourcen anderer Länder, und ist es auch vertretbar weiterhin diese Ressourcen zu nutzen, diese Länder zu destabilisiern und abzuwerten. Ist es richtig, die eigene Situation weiterhin zu stabilisieren? Haben wir uns Fortschritt und Leistung allein verdient oder ist es eine globale Errungenschaft?

In der modernen Welt befindet sich die Ethik in einem Dilemma. Das Ausdifferenzieren der Wissenschaften hat dazu geführt, das die Letztbegründung für gutes/schlechtes Verhalten, Gerechtigkeit/Ungerechtigkeit sich genauso ausdifferenziert. Ob transzendental, materialistisch, metaphysisch, aufklärerisch- kritisch, postmodern argumentiert oder an die Sprache und Kommunikation gebunden wird, jede Letztbegründung trägt ihr Scheitern in sich, denn gerade das, auf dessen Basis gebaut und argumentiert wird, zerstört sich im Laufe der Geschichte durch die Fortentwicklung der Gesellschaft selbst. Die Kritik der Aufklärung, die Dekolonisierung, das Scheitern des Kommunismus oder die Auswirkungen der Transparenz der Informationsverarbeitung auf die gesellschaftliche Kommunikation, zerstören andauernd die Grundfeste von dem, was wir westlich normativ oder moralisch Gerechtigkeit nennen. Die Wissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Ökonomie, Primatenforschung und Entwicklungspsychologie haben eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit. Was bleibt ist die Empathie, die jeder Mensch für andere in der globalen Gesellschaft empfindet und die Verantwortung, die daraus wächst, dies auch in Zukunft empfinden zu wollen. Die Rechtfertigung der Zukunft ist das Gefühl der globalen Verbundenheit als Mensch. Was solange gültig sein wird, bis wir auf andere Wesen treffen und diese dominieren wollen.

Fürth, den 28.10.2023

Veröffentlicht in Ethik der Aufklärung

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