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Kapitalismus II: Wissensgesellschaft – die Zukunft der Demokratie

Nach der Darlegung der Verbindung von Kapitalismus und Demokratie stellt sich nicht die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus. Die Vielfältigkeit der Auswirkungen des Kapitalimus sind nicht mehr zurückstellbar. Trotz der negativen vielen Seiten ist der Kapitalismus für den Menschen die fortgeschrittenste Art des Handels und der Ressourcenauswertung. Der Privatbesitz an Produktionsmitteln und die Bildung von Hierarchien stellt nur einen kleinen Teil der Struktur des Kapitalismus dar. Durch Rückschritt kann der Kapitalismus nicht überwunden werden! Dafür sind die Ressourcenverzweigungen viel zu tief im sozialen System eingegraben. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir mit den Auswirkungen umgehen und wie wir dies in Zukunft bei weiteren Krisen bewältigen. Was Aufgabe der Demokratie ist. Im Gegensatz zur Ressourcenverteilung ist das politische System, das die Umbrüche der Marktwirtschaft versucht einzuschränken, wandelbar. Momentan ist einer dieser Krisen oder Veränderungen der Marktwirtschaft in der Informationsgesellschaft sichtbar. Die Frage ist: Wie ist die Zukunft der Demokratie? Es geht hier nicht um politische Systeme, Parteien, Meinungen oder Wahlverfahren. Es geht darum: Kann die Demokratie noch mit diesen Krisen umgehen oder muss sie sich wandeln?

In Beschreibung des Zusammenhangs von Kapitalismus und Demokratie habe ich 3 wichtige Merkmale herausgestellt. Im ersten Punkt folge ich hauptsächlich den Argumenten von Polanyi und Habermas. Im zweiten Punkt gehe ich auf Polanyi und Bourdieu ein. Der dritte Punkt folgt Argumenten der Systemtheorie und den Sprachwissenschaften.

Punkt 1 bedeutet, dass die Demokratie ein funktionaler Bestandteil des Kapitalismus ist, um die Auswirkungen der freien Marktwirtschaft gegenüber denen handelnden Subjekten zu begründen und um die Auswirkungen in der Ressourcenverteilung durch einen diskursiven Konsens zu regeln.

Punkt 2 ergibt sich aus Punkt 1 und stellt fest, dass Vertrauen die Basis des Handels und der Marktwirtschaft ist. Die Aufgabe der Demokratie ist dieses Vertrauen herzustellen und die Ressourcenbeschaffung im sozialen System zu steuern.

Punkt 3 meint, dass im Erschaffen des sozialen Raumes durch die Objektivierung des Individuums in Begriffe und die Subjektivierung des Systems in Rollen, jedes soziale System eine vertikale Differenzierung erschafft. In sozialen Systemen sind Hierarchien strukturbildend. In der kapitalistischen Marktwirtschaft folgt daraus die Bildung von Klassen, deren Grenzen und Ressourcenverständnis, sowie im politischen System die Bildung von sozialen, liberalen, nationalen und faschistischen Meinungsbündnissen.

Nach Polanyi ist der Übergang zum Kapitalismus in 3 Stufen erfolgt, indem feste Ressourcen in handelbare Waren, in virtuelle Ressourcen umgewandelt wurden. Die Stufen waren mit großen sozialen Umstrukturierungen innerhalb der Gesellschaften verbunden und erzeugten insoweit große soziale Probleme und menschliches Leid. Hintergrund der Umstrukturierungen sind eine Verbesserung der Ressourcenverarbeitung der menschlichen, sozialen Lebensgemeinschaft und eine Rationalisierung des menschlichen Bewusstseins. Was letztendlich zu einem höheren Bevölkerungswachstum, einer besseren Gesundheitsversorgung, einer höheren Lebensqualität in einer technisch, sozialen Evolution für die beteiligten demokratischen Staaten geführt hat.

Die Verwandlung des festen Bodens, auf der Landwirtschaft angebaut wird, Städte gegründet, Fürstentümer und Königreiche gebaut, sowie um die Kriege geführt wurden, in eine handelbare Ware dauerte über 800 Jahre. Durch Bodenreformen und Ansiedlung von Industriebetrieben auf dem Land führte die Entfeudalisierung des Bodens zur Abschaffung der Leibeigenschaft.

Die Verwandlung der fest mit der Arbeit verbundenen Individuen über Sklaverei, Leibeigenschaft und Ständewesen in die handelbare Ware des Arbeiters, erfolgte im Rahmen der Industrialisierung. Die Verelendung der Arbeiter in England sind Auswirkungen der Freisetzung der vorher in der Feudalgesellschaft arbeitenden Menschen. Erst Sozialgesetze änderten die Verelendung der Arbeiterschaft. Die Kolonisierung, sowie das Handeln mit Sklaven folgte der Logik des Handels mit Boden und Arbeit. Die Aufklärung, sowie die Bildung von Arbeiterklassen, Gewerkschaften und die neuartigen Sozialgesetze sind Auswirkungen einer Demokratisierung der Gesellschaft. Bürgerliche Romantik, Sozialismus und Faschismus entstanden aus politischer Willensbildung. Die Lösungen der einzelnen Demokratien, zur Einschränkung der Wirkungen der reinen Marktwirtschaft von Boden und Arbeit, von England, den Vereinigten Staaten, über die soziale Marktwirtschaft in Europa, zu eher feudalen Staaten, entwickelten sich unterschiedlich, aber zeitlich schnell aufeinanderfolgend. Die politischen Lösungen bezogen sich auf das Vertrauen der Menschen innerhalb der nationalen Gesellschaften in ihrer Ressourcenbildung.

Die Verwandlung des festen, auf einen Materialwert bezogenes Kapitals, zur handelbaren und vermehrbaren Ware führte über die Freisetzung des Kapitals von nationalen Geld und Goldreserven zum freien Aktienhandel und dessen Explosion der Geldmenge. Die nationalen Banken, sowie der Binnenhandel passte sich über verschiedene Ansichten (Smith, Keynes, Friedman) der Wirtschafts- und Geldsteuerung an den Kapitalhandel an. Frühes Kapital wurde zuerst über Kolonialismus und wachsende Industrialisierung gewonnen. Krisen der Geldsteuerung führten zum Börsencrash und Kriegen. Heute moderner, entsteht Kapital über die Kapitalisierung von Vertrauensausschüttungen an der Börse, sowie über die Verbindung von globaler neokolonialistischer Industrialisierung und Kapitalhandel. Die Krisen der Kapitalsteuerung werden über erfahrende Regeln nationaler staatlicher Banken und des Aktienhandels, sowie über globale, national präferierte Handelsstrukturen gesteuert. Die Virtualisierung des Kapitals geht soweit, dass Staaten, die sich nicht danach richten und den Freihandel nicht zulassen, von den Demokratien in Kriege hineingezogen werden. Zielgebend für die Kapitalbildung sind die demokratischen Staaten, weil es in ihnen möglich ist, die Virtualisierung des Kapitals in ein nationales Vertrauen der sozialen Gesellschaft innerhalb ihrer Willensbildung einfließen zu lassen. Anhand der Kapitalmenge ist die globale Macht der einzelnen Nationen erkennbar. Somit haben die nationalen Demokratien eine globale Hierarchie des Kapitalhandels und der damit verbundenen militärischen Macht gebildet.

Alle drei Ursprünge der kapitalistischen Marktwirtschaft begannen als langsame Veränderung und führten zu drastischen sozialen Krisen. Momentan ist wieder eine Zeit der Umbrüche und es stellt sich die Frage, welche bisher feste Ressource zu einer Handelsware werden könnte.

Wir befinden uns im Zeitalter der Wissens- oder Informationsgesellschaft. Wissen, ob es Lizenzen, wissenschaftliche Arbeiten, geheime Technik oder Internetspuren der Benutzer sind, ist eine Ware. Wissen ist Besitz und wird kanalisiert, gespeichert, gefälscht oder verborgen. Wissen fließt in politische Entscheidungen ein, bestimmt Handelsbeziehungen und Kapitalanlagen.

Was genau ist diese Ressource Wissen oder Information, die zur Ware wird?

Wissen entsteht im sozialen Raum innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft, die dieses Wissen speichert, strukturiert benutzt und ihm einen Sinn gibt. Das Wissen eines sozialen Raumes formt daher auch diesen Raum innerhalb des sozialen Lebensraums. Es bestimmt die Rollen und Freiheiten ihrer Mitglieder und die Möglichkeiten und den Einfluss des sozialen Raums innerhalb der Gesellschaft. Wissen ist eine sozial strukturierende Eigenschaft der Kommunikation. Innerhalb einer sozialen Gemeinschaft ist die Ressource Wissen lebensnotwendig und daher fest in die soziale Gemeinschaft eingebunden. Es sind Riten, Mythen, Arbeitswissen, aber auch Handelsregeln und implizite, unbewusste Annahmen. Es ist die Struktur der Gemeinschaft. Das Wissen einer Gemeinschaft ist nicht in jeden Individuum vorhanden, noch bewusst. Jedes Individuum enthält, je nach seiner Rolle und Tätigkeit, nur einen Teil des Handlungswissens und der sozialen Struktur. Das Individuum ist ein Teil der sozialen Gemeinschaft, aber als Individuum vollständig in seinem sozialen Raum. Wissen ist immer Kommunikation zwischen Individuen über die soziale Struktur in einem sozialen Raum.

Dieses Wissen in eine Ware umzuwandeln erfordert eine soziale Strukturumwandlung, um die Stabilität der sozialen Struktur zu erhalten. Es geht nicht um Wissen oder Information, das zur Ware wird. Sondern der komplette soziale Raum eines Individuums oder einer sozialen Gemeinschaft wird zur Handelsware. Das Herausbilden der Medien, die Individualisierung, der Materialismus des Kapitalismus, die Verwissenschaftlichung sind Voraussetzungen der Umbildung. Die Informationsgesellschaft ist nicht die Wurzel der Wissensgesellschaft, sondern die Herausbildung der Handelsware Wissen hat die Informationsgesellschaft und deren Technik zur Verwaltung des Wissens erfunden. Künstliche Intelligenz ist nicht eine plötzlich neue technische Errungenschaft, sondern eine neues von vielen tausenden Wissensarbeitern erschaffenes Produkt zur vereinfachten Herstellung kommunikativer Produkte. Chatgpt ist eine Suchmaschine für Argumente im Marktplatz der Wissensstruktur.

Der Begriff Wissensgesellschaft ist zu eingeschränkt, wenn es um den sozialen Raum als Ware geht. Worauf wir zusteuern ist die Wissensstrukturgesellschaft. In der jede Wissensstruktur käuflich, wandelbar und unabhängig ist. Lyotard hat in weiser Voraussicht die Umstrukturierung zur Wissensstrukturgesellschaft beschrieben. Die Philosophen waren die ersten, die das Beben spürten. Das Ende der großen Geschichten liegt aber nicht in alten Herrschaftsstrukturen, falscher Bildung oder in einer zerstörenden Vielheit der Legitimation. Dies sind nur Symptome der gesellschaftlichen Änderung zur Ware Wissen. Das Ende der großen Erzählungen ist gekommen, weil jede Geschichte käuflich ist und der Sinn nicht mehr in ihrer Übermittlung der Wissensstruktur liegt, sondern in ihrem Wert auf dem Markt der Erzählungen. Alle Erzählungen verflüssigen sich in der Moderne und können andere Formen annehmen, weil sich ihr Sinn verändert hat. Innerhalb der Metaphysik hält auch das Festhalten am Sinn von Sein die Änderungen nicht mehr zurück. Der Sinn von Sein ist nicht mehr zielführend, sondern der Wert des Wissens. Es ist auch keine in der Zeit zurückführende Dialektik der Aufklärung, die ihre Forderungen zunichte macht. Sondern der Handel mit Wissensstrukturen verändert jedweden Sinn und das Bewusstsein der daran beteiligten Individuen. Ohne Aufklärung, keine Wissensstrukturgesellschaft. Die Systemtheorie ist eine Reaktion auf die Verflüssigung des Individuums der Aufklärung, indem sie versucht die Gesellschaft als Maschine zu interpretieren, was in das Zeitalter des Wissens als Ware passt. Das Wissen als Ware ist eine Technik. Herrschaftsdiskussionen beziehen sich nicht mehr auf die Sprache oder Medien, sondern es geht in ihnen selbst um den Besitz der Struktur des gesamten Wissens. Es wird klar, warum die Philosophie an ihr Ende gekommen ist. Selbst ihr Wissen wird zu einer Ware, welches interpretiert, verwertet oder für unnütz gehalten werden kann. Es hat keinen Sinn zu sprechen ohne den käuflichen Wert der Aussage zu bedenken. In der Politik wird jedes Wissen machbar und verkäuflich. Wo Wissen als Ware angesehen wird, ist es kein Problem Wissenschaft zu verleugnen. Es erscheint nur wie das Ablehnen eines Handels. Es ist das, was die Risikogesellschaft ausmacht. Risiko ist auch nur eine Erzählung, deren Kauf abgelehnt werden kann.

Die soziale Umstrukturierung der Gesellschaft aufgrund der Ware des sozialen Raumes ist in ihren Auswirkungen auf den Menschen seit Jahrzehnten sichtbar. Politisch bilden sich zwei Richtungen heraus, die beides Reaktionen auf die Wissensstrukturgesellschaft sind. Woke bedeutet aufmerksam gegenüber einer sozialen Unterdrückung zu sein. Der Neofaschismus erwacht als Wiedergeburt nationaler und faschistischer Motive. Im Wokeism geht es darum Herrschaftsdiskussionen transparent offenzulegen und zu kritisieren. Das betrifft feministische, Queer, rassistische, klassenspezifische oder neokolonialistische soziale Hierarchien. Das Wissen der Unterdrückung wird sichtbar und sprachlich in eine demokratische Willensbildung eingebracht. Dadurch, dass Wissen nun flexibel gehandhabt werden kann, ist es erst möglich, diese Unterdrückung zu diskutieren und in der Philosophie als epistemologische Diskursstruktur einzubringen. Vor der Wissenstrukturgesellschaft war das nur in einzelnen sozialen Räumen oder durch Gewalt und Revolution möglich. Nun kann darüber in einer demokratischen Weise über Unterdrückung diskutiert werden. Im Neofaschismus, der politisch als Populismus beginnt, wird Wissen als Ware zum Erlangen der Vertrautheit benutzt. Wer keine Zukunft, Perspektive oder Möglichkeiten für seine Selbstverwirklichung sieht, kann demjenigen Vertrauen schenken, der Stabilität aufgrund der althergebrachten Werte verspricht. Populismus ist die politische Verwertung der Ware des sozialen Raumes. Hier geht es nicht um die Transparenz der Wissensbeziehungen, sondern um die Macht des Wissens. Wenn ich jemandem glaubhaft Sicherheit verspreche, binde ich ihn an mich. Wenn ich immer wieder behaupte, das die Wahrheit eines anderen eine Lüge ist, habe ich Macht über den anderen. Hier wird klar, warum diese beiden Richtungen gewaltsam gegenüber stehen. Denn ihre Verwertung des Wissens ist gegensätzlich. Offenheit und Transparenz steht gegenüber Unsicherheit und Machtbegehren. Offenheit und Transparenz kann in den Diskurs der Demokratie aufgenommen werden. Unsicherheit und Machtbegehren löst dagegen demokratische Konflikte aus. Es wird auch klar, warum die Postmoderne vom Populismus abgelehnt wird. Denn gerade in der Postmoderne werden die Herrschaftsdiskussionen, Medienübernahmen, sozialen Ungleichheiten und die Vielfältigkeit des Wissens propagiert. Das, was den Handeln mit vertrauenserweckendem Wissen, den Populismus zerstören würde. Die rechten Philosophen haben die Postmoderne schon richtig verstanden, sie lehnen sie aber innerhalb ihrer Ressourcenintegration ab. Es ist einen wirtschaftliche und demokratische Entscheidung die Postmoderne abzulehnen.

Woke und Neofaschismus haben sich in den unterschiedlichen Klassen der Bezogenheit auf Wissensressourcen herausgebildet. Der Diskurs zwischen Woke und Neofaschismus spiegelt den inneren Konflikt der Demokratie mit den Veränderungen der Wissensstrukturgesellschaft wieder. Ist eine feste Ressource eine Ware, wird die Ressourcenbeschaffung der angeschlossenen sozialen Gesellschaftenschichten prekär. Menschen verlieren aufgrund fehlenden Wissens ihren Arbeitsplatz. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen bewirken nichts, wenn sie nicht das richtige Wissen vermitteln. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen können so zu Unterdrückung anderer Klassen benutzt werden. Es bilden sich neue Klassen. Die der Wissensarbeiter und der Wissenslosen. Politisch sollte niemand als dumm bezeichnet werden, wer nicht die Chance hatte, sein Wissen zu verbreitern. Auch wenn derjenige zum Populismus tendieren wird. Das ist keine Dummheit, sondern struktureller Wissenszurückhaltung zur Herausbildung einer Wissenshierarchie. Es geht nicht um das reine Wissen oder die Wahrheit, sondern um die Anwendung der Ressource Wissen zur Erweiterung der Möglichkeiten des angeschlossenen sozialen Raums zur Bildung einer Hierarchie für eine neue Klasse. Die Aufgabe der Politik in der Demokratie ist diese Klassen zu strukturieren und mit Vertrauen in die Stabilität der neue Wissensstrukturgesellschaft auszustatten.

Die Ablehnung der Migration steht konträr dem Fachkräftemangel gegenüber und erscheint unlogisch. Es geht bei der Ablehnung der Migration nicht um die Ablehnung der Menschen, sondern um die Angst, dass diese Menschen, mein Wissen erlangen könnten und damit meine Ressourcen benutzen. Es geht darum, dass ich Angst habe meinen Arbeitsplatz zu verlieren, weil sich die Arbeit mit neuen Menschen soweit ändern könnte, das ich kein Chance mehr habe diesen Arbeitsplatz zu behalten oder einen besseren zu bekommen. Es geht nicht darum, dass dort ein anderen Mensch sitzt und mir meinen Platz wegnimmt, wann es genügend Plätze auf dem Arbeitsmarkt gibt. Es geht um die Sicherheit auf dem Wissensstrukturmarkt.

Letztendlich mündet die Wissensstrukturgesellschaft in eine Gesellschaft die Identitätskrisen auslöst, weil es keine klaren Regeln für den Wissenserwerb mehr gibt und keine Sicherheit für die Zukunft. Zukünfte und Perspektiven werden zu Luxuswaren. Das implizite und explizite Wissen der sozialen Wissensräume verschwindet als Handelsobjekt und lässt ein perspektivloses Individuum zurück. Die Aufgabe der Politik und einer demokratischen Gesellschaft kann daher nur sein, das Vertrauen in das eigene Wissen und seine Zukunft zu stabilisieren. Es werden Regeln der Wissensvermarktung benötigt, genauso, wie ein Freisetzen des Wissenshandels. Die Politik kann die Wissensstrukturgesellschaft, die sich seit Jahrzehnten etabliert hat, nicht verhindern. Es geht um Bildung, persönliche Integrität, die Definition eines informativen Menschenrechts, sowie die Möglichkeit eines weltweiten Handels mit Informationen. Wir sind heute noch weit davon entfernt das politisch zu stabilisieren. Erst weitere persönliche und soziale Krisen werden ein Handeln der Politik fördern. Die Handlungsfähigkeit der Politik schränkt weiterhin ein, das nicht klar ist, wie die Gesellschaftsstruktur aussehen wird. Die Übergangsprozesse mit politischer Handlungsunfähigkeit gab es auch bei den Krisen von Boden, Arbeit und Kapital.

Für das Vertrauen in die Wissensstrukturgesellschaft muss die Struktur des Wissens für jeden einzelnen nachvollziehbar sein. Über alle Ebenen der Gewaltenteilung in Gesetzgebung, Gesetzsprechung und Ausführung hinweg. Gerechtigkeit, Handlungsfähigkeit und Geltung des Rechts müssen sich auf eine Wissenssicherheit beziehen, deren Struktur noch demokratisch zu regeln ist. Letztendlich geht es in der Zukunft der demokratischen Gesellschaft um die Definition der Menschenwürde in einer Wissensstrukturgesellschaft. Was zeichnet die Würde einen Menschen aus, wenn sein sozialer Raum verkauft werden kann? Menschenwürde bedeutet, dass ein Teil der Wissensstruktur eines Menschen unangetastet bleiben muss und dass dieser Teil den Bürger einer Demokratie ausmacht. Die Demokratie kann nur überleben, wenn in ihrer Mitte eine neue Klasse der Wissensangestellten, mit ihren Rechten, Pflichten und Rollen im sozialen Raum, erwächst und tragfähig bleibt. Das bedeutet nicht, der Postmoderne mit ihrer Wissensvielfältigkeit und Herrschaftslosigkeit nachzugeben. Die Postmoderne ist auch nur eine Stufe zur Wissensstrukturgesellschaft. Es bedeutet auch nicht, den Forderungen vom Wokeism, Neofaschismus oder dem Liberalismus mit seinem Wunsch zur Wissenshandelfreiheit nachzugeben. Die Aufgabe der Politik ist zu vermitteln und die Demokratie lebensfähig zu halten. Die Aufgabe der Demokratie ist die soziale Krise der Wissensstrukturgesellschaft um das Wissen als Ware im Kapitalismus durch Vertrauensbildung ihrer Mitglieder im Konsens zu verringern. Wie bei Boden, Arbeit und Kapital bedeutet es, dass es nationale Regeln zum freien Wissenshandel geben muss, genauso wie es einschränkende Regeln geben muss, die die negativen Auswirkungen auf den Menschen oder Staaten beschränkt und den Menschen in der Demokratie ermöglicht Wissensarbeiterklassen zu bilden und sich trotzdem als Wissensbürger in der Demokratie zu fühlen.

Das geringere Klassenbewusstsein der Wissensangestellten verringert die demokratische Basis. Der Angestellte hat eine arbeitende Tätigkeit, aber nicht das Klassenbewusstsein eines Arbeiters. Während der Arbeiter auf seinem Wissen um die Arbeit baut, verliert der Wissensangestellte in den Organisationen seinen Besitz an Wissen. Wissensarbeiter haben keinen Anspruch auf das von ihnen erarbeitete Wissen, weil es das von ihnen produzierte Produkt ist. Das Wissen gehört der Organisation. Universitäten haben ihren Status als freie Wissensproduktionsstätten verloren. Universitäten erarbeiten nun Wissen für Organisationen und stellen Angestellte für diese Organisationen her. Schulen bekommen ihren Marktstatus für Universitäten und verlieren ihn für Organisationen. Wissen bleibt bei den Organisationen und kann nicht mehr wie das Know-How der Arbeiter übertragen werden. Es entsteht eine neue Arbeiterklasse, die Klasse der Wissensbestimmten. D.h. Wissen bestimmt ihr Leben, gehört ihnen aber nicht. Eine Einzelperson kann kein vollständiges Wissen mehr tragen, sie kann nicht mehr Meister werden. Dafür ist das Wissen zu vielfältig und umfassend. Wissen kann nur noch in Organisationen gespeichert werden. Organisationen werden zur Klasse der Wissensträger und damit gleichzeitig zur Ware. Es entsteht eine Hierarchie der Wissensbestimmten und Wissensträger, zwischen Organisationen und deren Angestellten. Der Wert von Wissen bestimmt die Hierarchie.

Personen, die genügend strukturelles Wissen zusammentragen um mit einer Organisation gleich zu ziehen, sind entweder komplett organisatorisch strukturiert oder für die Organisation gefährlich. Hier wird klar, warum bestimmte Personen (Snowden, Assange) so rigide verfolgt werden. Das sind kein persönlichen Nachverfolgungen, sondern strukturelle Krisen in der Wissensproduktion einer Organisation, die versucht ihre innere Struktur aufrecht zu halten. Aber auch Militär und Geheimdienste sind der Wissensstrukturgesellschaft ausgeliefert. Alles ist eine Ware und jeder andere Sinn verblasst darin. Wer versucht die Transparenz von Informationen zu verbessern, führt bei Organisationen zu Abwehrreaktionen, da dies den Wert der Information einschränkt (Ronan Farrow, Weinstein, MeToo#). Das Phänomen ist bei Universitäten, die Wissen erzeugen, sowie Organisationen und Behörden die Sicherheit verwalten, besonders sichtbar. Wer Wissen und deren Sicherheit verwaltet, verwaltet die Produktion und Sicherheit einer Ware. Eine Ware, die durch Lernen oder Erkenntnis gestohlen werden kann, was heute schon strafbar ist und verfolgt wird. Sicherheitsbehörden geht es nicht um die Sicherheit der Personen für die sie zuständig sind, sondern um die Erhaltung der Ware als Ware in ihrem Zustand mit der sie handeln. Sie handelt mit Wissen um Sicherheit. Ist dieses gefährdet, sinkt der Wert der Ware und damit die Produktion von Sicherheit. Da Wissen eine Ware ist, kann Sicherheit juristisch eingeklagt werden (CopyRight, Urheberschutz)

Kapitalbesitz ist immer an Wissensbesitz gebunden und damit an Organisationen und deren Form. Wird das Wissen verloren, sinkt der Kapitalwert der Organisation. Die Wissensproduktion ändert die Sichtweisen auf die anderen Ressourcen. Boden wird nicht mehr besessen, sondern es stellt sich die Frage, was ist Natur und wie kann die Natur erhalten werden? Die Arbeiterklasse wird zur Klasse der wissensbestimmten Wissensangestellten mit ihrer eigenen Kultur. Da Kapital rein virtuell gehandelt wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Kapital und Wissensstruktur. Das Wissen eines Industriezweiges kann sehr schnell in Kapital- oder Aktienverlust oder auch großen Gewinn umschlagen. Die Zukunft der Demokratie ist, ihren Mitgliedern durch Wissenserwerbregeln zu ermöglichen in einer Wissensstrukturgesellschaft zu leben und diese an sich in demokratischen Wahlen zu binden. Die sozialen Verwerfungen bei der Umstrukturierung der Gesellschaft sind politisch verantwortlich und ethisch zu regeln. Die Herausforderungen der Zukunft, wie Neokolonialismus oder Klimakrise sind auch Wissenskrisen. Das Wissen bildet global neue Hierarchien. Die Aufgabe des nationalen politischen Konsens ist es Wissen aus Wissenskrisen zu erhalten und nicht zur Ware verkommen zu lassen, weil diese Krisen auch die Stabilität des gesamten sozialen Systems beinträchtigen. Die Demokratie kann nur erhalten bleiben, wenn sich gesellschaftliche Klassen bilden, deren Mitglieder Vertrauen in ihre Wissensproduktion und deren Handeln haben. Wir befinden uns derzeit im Umbruch und es ist nicht sichtbar, wie stabil demokratische Prozesse bleiben können.

Fürth, den 26.5.2024.

Veröffentlicht in Kapitalismus

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