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Was ist philosophische Ethik?

Während die Philosophie um ihre Rationalität, die Vernunft im sozialen System der Gesellschaft kreist, begründet die philosophische Ethik sich über die Verantwortung für diese Rationalität und setzt Vertrauen in die Entwicklung ihrer strukturbildenden Symbolik. Jeder philosophische Ausdruck, auch wenn er zutiefst theoretische Symbole enthält, besteht aus Erzählungen, Urteile und dem Kanon des umliegenden sozialen Raumes. Eine Geschichte, in der die philosophische Person vertreten ist, in der Erkenntnisse, Ziele und Forderungen artikuliert werden. Eine mathematische Formel kann nicht gelöst werden, wenn nicht jemand diese Formel löst und der Lösung einen Sinn, eine Motivation und eine technisch strukturierte Materialität verleiht. Erst recht trifft dieses auf Urteile und Erkenntnisse zu, deren Sinn es ist die Rationalität der Gesellschaft zu verändern. Der Unterschied zwischen einer ethischen philosophischen Aussage und einer fachlichen, wissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen Aussage liegt nicht darin, dass in der zweiten keine ethische Aussage impliziert ist, sondern darin, dass in der zweiten Aussage, die ethische Implikation als wissenschaftliche Implikation aus dem Fachbereich entfernt wurde. Das ist der Sinn wissenschaftlicher fachspezifischer Differenzierung und gleichzeitig ein Problem erkenntnistheoretischer Prinzipien. Die nicht zu lösende Integration des philosophischen Denkens im sozialen, wie gesellschaftlichen Rahmen. Wie könnte es sonst anders sein, dass Hegel den Weltgeist nur auf bestimmten Kontinenten sieht, Kant’s metaphysische Ontologien den Rassenbegriff integriert oder Heidegger seine Phänomenologie auf das deutsche Volk bezieht.

Die Ethik als philosophische Tugend und Symbol besteht aus Normen, philosophischen, politischen, wissenschaftlichen und sozialen Verhaltensregeln, deren Sinn es ist soziale und gesellschaftliche Strukturen innerhalb ihrer Geschichte zu stabilisieren und Krisen abzuwenden. Im sozialen Subjektiveren, der Rollenzuordnung, wirkt das Verhalten eines Individuums. Es geht um das „Gute“ und das „Gerechte“ im Menschen. Im sozialen Objektivieren, dem Stellen von Begriffen, geht es um das Einigen auf Normen und organisatorische Ansprüchen im Rechtssystem, der Politik und Wirtschaft.

Zusammenfassend schwingt in jeder philosophischen Aussage ein moralische Verständnis mit, während die philosophische Ethik dies versucht in ihrem Rationalitätskontext zu problematisieren und mit einem Ziel zu versehen. Jedes philosophische Verständnis ist vom sozialen und gesellschaftlichen Rahmen abhängig und schwebt nicht frei im Raum. Betrachten wir die heutigen gesellschaftlichen Umbrüche oder gar Krisen, so ist es sicherlich angebracht philosophische Aussagen aus historischen Denkmodellen zu artikulieren. Gleichzeitig darf die eigene Kritik und Infragestellung nicht fehlen. Dazu gehört die Kritik zum technisch, wissenschaftlichen Verständnis der Philosophie, zur Kritik der Aufklärung und zur Kritik der unreflektierten Übernahme von Personenbegriffen in den Elfenbeinturm der Wissenschaft. Moderne Ethik sollte in der Lage sein, die heutigen Erkenntnisse anderer Fachbereiche zu integrieren. Dazu gehören Ansätze zur Erklärung der Evolution, der Neurobiologie, zur horizontalen und vertikale Differenzierung der Gesellschaft, zum globalen Handel und zur Globalisierung der Informationstechnologie. Es geht darum, wie wir denken und warum wir sprechen, warum wir uns hierarchisch strukturieren, Macht und Gewalt ausüben, reich und arm werden. Eine neutrale oder wissenschaftlich ansprechende Annäherung an diese in Diskussion stehenden Begriffe wird schwierig sein, ist aber erforderlich.

An zwei Beispielen möchte ich darlegen, was gemeint ist:

Erstens: Ein sehr weit reichender erkenntnistheoretischer Ansatz Ungerechtigkeit zu beschreiben, ist durch Miranda Fricker 2007 unter dem Begriff „Epistemic Injustice“ eingeführt worden. Der Begriff wurde durch die Philosophy of Race und Black Lives Matter Bewegung stark aufgewertet und diskutiert. Es geht darum, dass durch epistemische Ungerechtigkeiten Erkenntnisse verwert oder das Wissen darum unterdrückt werden. Innerhalb der Wissensproduktion der Gesellschaft werden Gruppen wie Frauen, Behinderte, Schwarze, Mitglieder der LGBTQ Bewegung, Migranten, Arme und gesellschaftliche Minderheiten in ihren Lernprozessen blockiert, ausgegrenzt, von der wissenschaftlichen Gemeinschaft und vom Rechtssystem fern gehalten und menschlich abgewertet. Begründet werden die Forschungen in dem Bereich mit der Kritischen Theorie und den Machttheorien von Foucault und Bourdieu. Forschungen werden hauptsächlich in der USA getätigt und sind innerhalb der europäischen Erkenntnistheorie kaum beachtet worden. Auch wenn die Diskussionen darüber in den philosophischen Fakultäten der USA laufen, sind die Vorhaben hauptsächlich im soziologischen, psychologischen und anthropologischen Fachbereich angesiedelt. Die Forschungsvorhaben sind stark praxis- und werteorientiert. Gleichzeitig greift die Diskussion der Beschreibungen und Erkenntnisse der Epistemic Injustice tief in die normative und verhaltensgesteuerte Ordnung der nordamerikanischen Gesellschaft ein. Was zu starken politischen und gesellschaftlichen Gegenbewegungen auf Wokism und europäische, postmoderne, kritische Philosophie geführt hat. Soziologisch wird hier ein inhärenter, gesellschaftlicher Konflikt sichtbar, der sich nach Ausbruch über wissenschaftstheoretische Abhandlungen artikuliert und versucht zu objektivieren. Obwohl Marx hier ein Wegbereiter sein könnte, wird sich wenig darauf bezogen. Was daran liegt, dass in der USA die Gruppe der Woke Bewegung wirtschaftspolitisch auch eine dynamisch wachsende Sinnvorstellung hat. Nur von der Gegenseite wird Marx als Argument vorgeführt. Zum Beispiel: Solidarität bedeutet für die Gegenseite Marxismus und ist damit links und schlecht für das kapitalistische Wirtschaftssystem. Betrachte ich die gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen durch die Brille einer modernen, philosophischen Ethik, fällt auf, dass einige Aspekte nicht diskutiert werden. Es ist nicht klar, warum Hierarchien entstehen. Das sie da sind und Ungerechtigkeit erzeugen ist gegeben, aber eine philosophische Betrachtung muss über eine Beschreibung hinaus gehen, ansonsten wird sie zu einer rein politischen Forderung. Es ist nicht geklärt, wie die strukturelle Ungerechtigkeit auf Personen wirkt. Welche Masken angezogen werden um Identitäten zu verbergen. Es geht um mehr, als um das Lernen von Wissen. Es geht darum, wie die ganze Person sich als Individuum entwickelt, welche Beziehung sie zu ihrem Körper, ihrer Haut, ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrer Persönlichkeit entwickelt und wie sie ihre Identität, Gefühle und Wünsche verbirgt, ausdrückt und strukturiert. Wie aus diesen Masken eine Kultur entsteht und wie die zugezwungene Kultur in der hierarchischen Struktur der Gesellschaft eingeordnet wird. Der Mensch steht im Mittelpunkt der strukturellen Ungerechtigkeit. Eine genauere ethische Analyse der Begriffe Macht, Ungerechtigkeit und Vertrauen ist noch zu leisten, ansonsten bleibt der Ansatz der Epistemic Injustice ohne tiefgreifende gesellschaftliche Wirkung. Gleiches gilt auch für den Begriff des Kapitalismus, dessen Moralvorstellungen diskutiert werden müssen. Die Diskussion bewegt sich auf einer philosophischen Schiene, um Objektivität in einem stark motivationsreichen Raum zu erreichen, verfährt aber zumeist in einer politischen Ebene und beeinflußt erkenntnistheoretische und rechtsphilosophische Normen. Sie kommt aus der Praxis und wird aus Not zur philosophischen Ethik. Was gerade ihre Wichtigkeit betont. Was fehlt ist eine Theorie der gesellschaftlichen Strukturierung, die als Norm gesellschaftlich wirkt und Veränderungen begleitet.

Zweitens möchte ich auf eine Veränderung der Begriffsbildung von sozialen Klassen hinweisen. Was zeichnet eine gesellschaftliche Klasse aus? Marx Klassenbegriff lehnt sich an die gesellschaftlichen Produktionsweisen und Gesellschaftsstrukturen, besonders im Kapitalismus an. Die Klasse im Kapitalismus leitet sich aus der Hierarchie der Produktionsverhältnisse ab und um die Hierarchie zu stürzten, bedarf es eines Klassenkampfes. Der Klassenbegriff ist ein Kampfbegriff und argumentativ dialektisch. W.E.B. du Bois und später Gunnar Myrdal begreifen rassistische Einordnungen und gesellschaftliche Klassen als zusammengehörig in der Ausgrenzung einer sozialen Schicht. Oliver Cromwell Cox führt Klasse und Rasse auf die gleiche Ursachen zurück. Bourdieu wandelt den Klassenbegriff von Marx dahin gehend ab, dass nicht mehr die Produktionsverhältnisse, sondern die Besitzverhältnisse als Akkumulation von Ressourcen in ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital die Klassenunterschiede herbeiführen. Zeitgleich mahnte Lyotard die Wichtigkeit der Lehre und Wissensproduktion als bestimmend in der gesellschaftlichen Produktion an. Später in der Critical Philosophy of Race sieht Linda Martín Alcoff Rasse als ontologischen oder sozialkonstruktivistischen Begriff der Identität an. Sally Haslanger definiert Rasse über sprachphilosophische Ansätze und versucht ein Modell der sozialen Umstrukturierung zu etablieren. Beide Philosophinnen beziehen sich nur noch wenig auf europäische Philosophie, sondern fußen auf praxisorientierten, sozialkonstruktivistischen Ansätzen nordamerikanischer Denkmodelle. Klasse wird immer mehr als ein sozialer Abgrenzungsbegriff mit unterschiedlichen Auswirkungen nach unten und oben gesehen. Mit Abgrenzung und Abwertung nach unten und Ressourcenansammlung nach oben. Sprache, Erkenntnistheorie und soziale Strukturierungskonzepte werden aus Gründen der Ungerechtigkeit durchsucht. Offensichtliche Ungerechtigkeiten und deren Lösungsmöglichkeiten werden mit den philosophischen Mitteln der Erkenntnisstheorie, Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie erforscht. Die nordamerikanische und europäische Philosophien bewegen sich auseinander, beeinflußen sich aber gegenseitig noch stark. Hintergrund der neuen Philosophieströmungen ist, dass die sozialen Konfliktbedingungen in der USA stärker nach Auflösung streben als in Europa, das noch mit sich selbst beschäftigt ist.

Aus ethischer Sicht betrachtet, was passiert hier? Der Klassenbegriff tritt durch die Personenzentrierung des Kapitalismus stärker zutage. Das Subjekt ist Entrepreneur und Konsument gleichzeitig und in seinem Bewusstsein allen anderen gleich geordnet. Das wird auch im Rechtssystem und seinen objektiven Normierungen sichtbar. Gleiches gilt für andere soziale Ausgrenzungen, z.B. den Rassebegriff der den wirtschaftlichen Bedingungen des Kolonialismus untergeordnet wurde und nun verblasst. Oder der Frauen- oder LGBTQ Bewegung, die ihre Gleichstellung fordern. Der globale Kapitalismus ist ein Kind des Kolonialismus, verändert aber nun die sozialen Strukturen, Normen und Verhaltensregeln. Wie kann in dieser Diskussion Stellung bezogen werden? Wie können neue relevante Werte, Normen, Verhaltensmassstäbe und Organisationen begründet werden? Das ist die wissenschaftliche Aufgabe der philosophischen Ethik. Welche Schwierigkeiten dabei zu bewältigen sind, ist z.B. in den Bemühungen von Sally Haslanger um eine einheitliche Definition und Wissenschaftsbewertung ihrer sozialkonstruktivistischen Modelle zu sehen. Die sozialkritischen Modelle stehen unter einem starken Bewertungsdruck innerhalb gesellschaftlicher Strömungen, die versuchen der sozialen Umstrukturierungstendenz der argumentierten Erkenntnisse gegenzulenken.

Um die Diskussion anzusprechen, hatte ich in der Virtuellen Ethik darauf aufmerksam gemacht, dass ein Weg moderne Ethik zu beschreiten wäre, Kommunikation als vorherrschende Dimension zu betrachten. Nicht als ausgleichendes Element, wie bei Habermas, sondern als Domäne des Menschseins. Alle Menschen sind als Personen mit gleichen Rechten zu denken, weil sie als Individuum kommunizieren können. Gleichzeitig sind auch die kommunizierenden Organisationen und Systeme eigenständige Kommunikationspartner mit Rechten und Pflichten, die sich aus der Gleichartigkeit herleiten lassen. Die Trennung zwischen persönlichen und organisatorischen Ansprüchen geschieht über die Sprache und kann konfliktlösend eingesetzt werden.

Aus heutiger Sicht halte ich das für nicht weitgehend genug. Zwei Faktoren bestimmen den moralischen Kompass in der Zukunft besonders stark.

Die weltweite Pandemie um Covid-19 hat durch das legitime Schutzbedürfnis der Menschen und Nationen die weltweiten Wirtschaftsströme und deren Wachstum ausgebremst. In allen Ländern ist es zu einer starken Verarmung der besonders jungen Generation oder benachteiligten Gruppen gekommen. Finanzstarke Gruppen oder Industriestaaten konnten die Auswirkungen besser abfedern oder sogar finanziell gewinnbringend ausnutzen. Die Krise hat zu einer weltweiten klassenbezogenen Rezession geführt, die nicht direkt in Einzelaktionen sichtbar wird. Sie ist allgemein. Krisen- wie verarmungsbezogene soziale und gesellschaftliche Verwerfungen sind global in den Veränderungen nationaler Politik, wie in Auseinandersetzungen zwischen Nationalstaaten sichtbar. Bis zur Stabilisierung wird dieser Zustand noch jahrzehntelang andauern.

Das wissenschaftliche Voraussehen einer globalen Klimakrise, hervorgerufen durch die weltweite Produktion von menschlichen Verbrennungsprodukten, wird zu einer globalen wissenschaftlichen, wie politischen Krise ungeahnten Ausmaßes, in der die Diskussion objektiver Auswirkungen auf die Sozialstrukturen der Gesellschaft nach und nach alle anderen Diskussionen verdrängen wird. Zusätzlich zu den Auswirkungen der Pandemie ist die Stärke der Krise nicht voraussehbar. In Krisen werden die stabilisierenden Elemente von Herrschaftsdiskussionen, die gesellschaftlichen Normen und Verhaltensregeln, aufgrund des sozialen Drucks überschrieben.

Zusammenfassend wird klar, welche Themen die philosophisch, ethischen Diskussionen bestimmen werden. Und unter welchem krisenbezogenen sozialem Druck dieses Diskussionen stattfinden werden. Wenn wir die Probleme der krisenbezogenen Konflikte nicht bewältigen können, wird es Kriege und weltweite Ausgrenzungen geben. Die philosophische Diskussion darf dem nicht ausweichen. Was wir benötigen ist eine transparente, auf Kommunikationsinhalte und -partner bezogene, lösungsorientierte und kritisch in der Krise argumentierende Ethik. In Europa ist diese momentan nicht sichtbar. Die Ansätze wurden oben diskutiert.

Fürth, den 10. Juni 2023

Veröffentlicht in Allgemein Ethik der Aufklärung

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